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3. 4. Goleman, die "gewöhnlichen Qualen" und der Mandelkernmechanismus

Wie ich bereits erwähnte, ist eines der Hauptthemen in Daniel Golemans Buch "Emotionale Intelligenz", eine Entdeckung von Joseph le Doux, einem Neurowissenschaftler am Center for neural Science der New York University.
Le Doux fand heraus, daß Angstreaktionen allein durch den Mandelkern ausgelöst werden können, ohne Beteiligung des Neokortex, also ohne jenen Teil des Gehirnes, in welchem der menschliche Verstand zuhause ist. Der Mandelkern gehört zum evolutionär ältesten Teil unseres Gehirnes, wir haben ihn praktisch von den Echsen geerbt, er ist unter anderem für Angst zuständig.
Jeder Reiz, den ein Mensch (oder ein anderes Wirbeltier) wahrnimmt, wird vom Mandelkern dahingehend überprüft, ob er eine Ähnlichkeit hat mit angstauslösenden, also gefährlichen, vergangenen Erfahrungen, bevor er durch Nervenbahnen zum Neokortex gelangt, wo er beim Menschen z.b. verstandesmäßig eingeordnet werden kann. Wenn der Mandelkern Gefahr signalisiert, kommt der Reiz gar nicht erst bis zum Neokortex, sondern es passiert eine Reaktion ohne Verstand. Auslösendes Moment für eine solche Mandelkernreaktion ist eine sehr oberflächliche Ähnlichkeit mit vergangener erlebter Gefahr. Die Reaktion ist nun viel schneller möglich, als mit "Überlegung" und das hat wohl einen guten evolutionären Grund. Allerdings ist der Grad der "Vernunft" mit welcher die Ähnlichkeit durch den Mandelkern festgestellt wird, eben etwa die Vernunft einer Eidechse.
Das heißt im Klartext, bestimmte äußere Faktoren, die in Wirklichkeit kein bißchen mit Gefahr zu tun haben, können eine Angstreaktion auslösen, bei welcher der Verstand durch das Gefühl ausgeschaltet wird. Goleman nennt nun allerhand Ursachen, die dazu führen, daß Menschen solch eine unpassende Angstreaktion zeigen können, indem also die Vergangenheit der Gegenwart übergestülpt wird. Kriegserlebnisse, erlebte Überfälle, Naturkatastrophen, Mißhandlungen und Gewalt in der Kindheit, alles das kann ein sogenanntes PTSD -ein posttraumatisches Streßsyndrom- auslösen, eine Reaktion also, bei welcher die vergangenen Erlebnisse die Gegenwart überlagern und der Mensch demzufolge unpassend oder gar gefährlich handelt. Danach kommt Goleman auf die emotionale Situation der Kinder in der Familie zu sprechen :

" Daß man von den eigenen Eltern ständig ignoriert wird, daß sie einem Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit versagen, die Erfahrung des Verlassenseins oder des Verlusts oder die soziale Zurückweisung, kurz, die gewöhnlichen Qualen, die man als Kind erleben kann, mögen zwar nie die fieberhafte Zuspitzung eines Traumas erreichen, aber....."

Das "aber..." können wir uns sparen. Denn was ich täglich um mich herum erlebe, zeigt, daß gerade jene "gewöhnlichen Qualen, die man als Kind erleben kann" eben DOCH genau solche Mandelkernreaktionen zuhauf auslösen. Es passiert nur nicht so auffällig, daß es jemand bemerken würde. Und bezeichnend ist eben, Goleman betrachtet es als gewöhnlich, daß Kind-Sein Qual bedeutet. Er teilt damit offensichtlich die Meinung der großen Masse. Das was wir als "normal und gewöhnlich" im Sinne von "nicht schädlich" und "nicht zerstörerisch" ansehen, ist genau das eben doch.

Dieser neuronale Mechanismus, der in seiner Anlage zu unserem Schutz existiert, wird durch eben das, was für uns bisher "gewöhnlich" war, in die Irre geleitet und bewirkt in diesem Falle eine fehlgeleitete Mandelkernreaktion. Sie sorgt dafür, daß bei uns vernunftbegabten Wesen, auch bei hochintelligenten Menschen, der Verstand anfallsartig ausfallen kann und Ursache dafür ist die Zeit, als der kleine Mensch sich an Qualen gewöhnen mußte. Die Reaktionen der Menschen beim Thema Sommerzeit zeigen, daß dieses Problem eines ist, welches unsere gesamte Zivilisation heimgesucht hat.

Ein Stück dieses Problems hat der Amerikaner Thomas Harris in seinem Buch:" Ich bin o.k.-du bist o.k." mit der sogenannten "Transaktionsanalyse" aufgedeckt. Er erkennt jedoch nicht, daß diese zwei "anderen Ichs" von denen er meint, jeder Mensch hätte sie automatisch, allein dadurch, daß er mal ein Kind war, nichts weiter sind, als das Wirken dieses Angstmechanismus und daß ein "anderes Ich" nur aufgrund von erlebter Angst in der Vergangenheit zustande kommt. Nur dann passiert diese Ungeheuerlichkeit, daß sich die Vergangenheit über die Gegenwart stülpt und der erwachsene Verstand nichts mehr zu sagen hat.



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sommerzeit, nein danke!